Das letzte Aufgebot – Teil IV – Beginn (19.01.2005 - Kenji)
Aus D-WARS.COM - Wiki
Imperium, Mural Dyrinn
Die Verbotene Stadt
20. Januar 976 I.Z.
05:30 Uhr
Leise knisterte das Kaminfeuer und erhellte den Raum mit mattem warmen Licht. Stille war in den Palast zu so später Stunde eingekehrt. Leise raschelten Blätter unter seinen Händen. Diese Hände hatten schon viel erlebt, viel bewegt und einiges erreicht. Seine eisblauen Augen wanderten über die Texte, aber er las die Worte nicht. Er kannte ihre Bedeutung schon, blickte zu den beiden Männern gegenüber auf : „Wir sind bereit, so gut es geht. Lasst uns anfangen. ... Schließlich werden wir nicht jünger.“
Imperium, Nova Roma
Stoneheart Festung
20. Januar 976 I.Z.
14:57Uhr
Eilig ging Major Sky über die Strassen des Stützpunkts, von den Wohnbaracken zum Kommandozentrum. Es herrschte reger Betrieb. Sie überflog die aktuellen Truppenlisten und Neustrukturierungen, konnte sich aber nicht so recht auf die Einzelheiten konzentrieren. Sie blieb stehen und atmete tief ein. Obwohl es eigentlich tieferster Winter sein sollte, selbst hier im Süden des Imperiums, schien die Sonne wärmend. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen - viel besser als Krankenhaus - und sie setzte ihren Weg fort.
Im Kommandozentrum war es weder friedlich noch angenehm warm. Es herrschte eine geschäftige Atmosphäre. Verbrauchte Luft gemischt mit Kaffeegeruch, leises Stimmengemurmel und ratternde Drucker bestimmten den ersten Eindruck. Halb gehend, halb schlängelnd schob sie sich durch die emsig arbeitende Menge. Sky erkannte inzwischen viele verschiedenen Uniformen in alle Farben und Formen. Selbst innerhalb einiger Clans sind sie sich nicht einig, schoss ihr durch den Kopf. Sie schob sich vorbei an einem Tisch mit mehreren Clanoffizieren, ASK und FMF glaubte sie, und ging zu einer unscheinbaren Bürotür. Auf ihr Anklopfen kam ein leicht genervtes: „Herein.“ Der Major öffnete die Tür und trat ein. Suse saß an ihrem Schreibtisch, vor ihr ein Meer aus Papier und Speicherkristallen. Leicht ungnädig schaute sie auf: „Ja bitte, Major?“
„Ma`am, die Umorganisation ist abgeschlossen. Wir haben die Clanformationen aufgelöst und nach Droidentyp und Aufgabe umgestellt. Auch die neuen Clans, also AngelCrew, [Succ], Fist of Rage und die Söldner der Triade, wurden integriert. Es wird langsam eng auf dem Stützpunkt. Uns gehen Wartungsanlagen und Schlafplätze aus.“ Andächtig rieb sich Suse die Stirn: „Für den ersten Versuch läuft es gar nicht schlecht. Bis jetzt gibt es noch keine Toten durch Friendly Fire.“
„Naja,“ Sky wühlte ein wenig durch die Blätter in ihrer Hand: „Gestern Abend hat es einen Zwischenfall gegeben.“ Langsam klettere Suses Augenbraue nach oben, nachhakend. „In einer Bar in den zivilen Sektoren kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Droidenpiloten von PLP und Karthago. Ich glaube es ging um ein Bier oder eine Frau... oder um beides. Jedenfalls kam es zu einigen Handgreiflichkeiten. Nichts besonderes, aber...“ „ ... eine handfeste Kneipenschlägerei. Ich habe schon davon gehört.“ Suse lächelte leicht: „Beide Clans führen in den Clanländern Krieg gegeneinander. Wen wundert es dann, wenn es zu Zusammenstößen kommt? Alle sind etwas angespannt. Es überrascht mich nicht.“ „Ich bin so etwas nicht von Soldaten gewöhnt.“
„Es sind keine Soldaten. Es sind Claner.“
Schwer seufzte Sky: „Chaoten ohne jede Ordnung und System. Selbst in ihren eigenen Clans debattieren sie ewig und streiten sich anschließend. Das sie überhaupt zusammenhalten, wundert mich. Völlig chaotische Strukturen, bunte Bemalungen, nicht mal standartisierte Droidenmodelle. Wie wir sie in der Schlacht kommandieren wollen, ist mir selbst nach der Umstrukturierung schleierhaft. Einige scheinen sich lieber gegenseitig an die Kehle fahren zu wollen als dem Feind.“ Suse lachte leise, lehnte sich entspannt zurück: „Es sind Claner. Sie sind alle Individualisten, jeder auf seine eigene Art und Weise. Einige sind bedingungslose Krieger, manche würde sie Plünderer nennen, andere sind Schlitzohren und wieder andere ehrbare Soldaten. Sie alle leben nach ihren eigenen Überzeugungen, kämpfen für ihre Sicht einer besseren Welt. Einige sind für uns, andere sind gegen uns. Und im Moment spielt es keine Rolle. Jetzt brauchen wir sie. Und wir sollten dankbar sein, das sie da sind.“
Langsam stand die Kaiserin auf, streckte sich: „Wir sollten zur Lagebesprechung. Es macht einen schlechten Eindruck, wenn das Imperium sich verspätet.“
Der Konferenzraum war wie ein klassisches Auditorium aus Fels gehauen. Von der hohen Decke durchfluteten Sonnenstrahlen den Saal und erhellten ihn. In der Mitte stand das Rednerpult, dahinter eine Wand mit einem großen Bildschirm, ihm gegenüber waren die steinernen Sitzränge, wo sich gerade die letzten Plätze mit den Befehlshabern der versammelten Clans füllten. Das Raunen und Stimmengemurmel erstarb, als Suse langsam zum Podium schritt, knapp den Versammelten grüßend zunickte: „Guten Tag, Commander. Ich eröffne die letzte Planungskonferenz.“ Sie holte tief Luft, räusperte sich kurz, um das aufkommende Lampenfieber in Schach zu halten. „Die Neuordnung der versammelten Clansstreitkräfte wurde abgeschlossen. Ihre Einheiten wurden nach Typ und wahrscheinlicher Aufgabe in der Schlacht in Legionen und Regimentern eingeteilt, um uns die Führung zu erleichtern. Kommandiert werden Sie von Ihren eigenen Leuten, mit einigen imperialen Verbindungsoffizieren als Unterstützung. Denken Sie daran, das Sie als eine Armee kämpfen müssen. Es ist unwichtig, welcher Clan links oder rechts von Ihnen steht. Wenn er fällt, werden auch Sie fallen.“ „Wann geht es los?“ Die Frage kam von irgendwo weiter hinten.
„Das weiß ich nicht. Sobald der Befehl kommt, rücken wir in unsere Aufmarschgebiete aus. Dann dürfte es nicht mehr lange dauern.“
„Wo an der Front werden wir eingesetzt?“
„Hinter den Linien, in der Reserve.“
Erst entstand eine ungewöhnliche Stille. Ein zwei Sekunden waren alle wie vom Blitz getroffen, dann brachen Proteste und Widersprüche los, begleitet von hitzigen Gesprächen unter den Commandern. „RUHE!“ Langsam verhallte der Befehl in den hohen Wänden des Auditoriums, alle blickten auf Suse, die mit finsterer Mine zurückschaute.
„Ich weiß, das es Ihnen nicht passt. Sie brauchen es mir nicht noch zu sagen.“ Pause. „Die Clanslegion wird etwa ein Fünftel aller eingesetzten Streitkräfte stellen, darum werden wir auch hinter...“ Ein junger Offizier von Gladius stand auf, unterbrach abrupt die Kaiserin. „Ich habe nicht den weiten Weg von zu Hause hierher gemacht, nur um von hinten zuzusehen! Ich habe keine Angst vor diese grünen Viechern.“ Allgemeine Zustimmung erklang. Suse wartete einen Augenblick, dann etwas eindringlicher: „Wir haben keine anderen Reserven. Alles was da ist, wird auch in der Schlacht sein. Daher wird die Clanslegion die Rolle der rettenden Kavallerie übernehmen. Sollte die Linie schwanken, werden Sie sie verstärken. Sollte ein Angriff stecken bleiben, werden Sie ihn unterstützen. Sollten die Skasim unsere Stellungen durchbrechen, sind Sie vielleicht die einzigen, die die Skasim noch aufhalten können.“
Das Knarren einer Tür unterbrach die Ruhe im Raum. Ein alter Mann in der grauen Uniform des Imperialen Nachrichtendienstes trat ein. Er ging zum Rednerpult rüber, verbeugte sich angemessen tief und reichte Suse einen Pergamentumschlag mit einem roten Wachssiegel. Leicht verdutzt nickte sie knapp, dann schaute der Alte in die versammelte Runde mit den teilweise recht wilden Gestalten, zuckte angedeutet mit der Schulter, drehte auf dem Absatz um und ging wieder raus, den Blick der versammelten Mannschaft an den Fersen. Suse brach das Siegel, überflog den Text. Dann faltete sie andächtig den Pergamentbogen, schaute auf: „Es beginnt. Ausrücken.“ Ohne weitere Worte ging sie vom Podium runter und aus dem Auditorium. Dann brach hektische Aktivität aus. Die Kommandeure zückten ihre Kommunikationsgeräte und alarmieren ihre Piloten, gleichzeitig eilten sie durch die Gänge des Kommandozentrums, um zu ihren wartenden Maschinen zu kommen. Sky lief an der Spitze des Trosses mit, im Gedanken schon die Checkliste ihres Dragoons durchgehend. Als sie die Tür nach draußen öffnete, rauschte überraschend ein frostiger Windstoß in ihr Gesicht, hinterließ viele dicke Schneeflocken in ihrem brünetten Haar. Überrascht starrte sie hinaus auf die weiße, wirbelnde Wand. Der TSP Commander neben ihr schaute sie genauso verblüfft an, wie sie ihn. „Hat nicht noch eben die Sonne geschienen? Wo zum Teufel kommt auf einmal diese Suppe her?!“
Diese „Suppe“ legte sich wie ein Schleier über die gesamte Stadt. Der plötzliche Schneesturm behinderte die Sicht und Orientierung. Als die Clanslegion die Stadtmauern verlassen hatte, hatte sich der Sturm zu einem Blizzard gesteigert. Sensoren versagten des öfteren und die Kommunikation reichte nur noch 300 Meter weit. Die Piloten hatten das Gefühl, gegen eine Wand aus Schnee zu laufen, nur geführt von den paar Droiden in Sichtweite vor und neben ihnen. Stundenlang marschierten sie über eine imperiale Strasse nach Norden. Ungesehen, ungehört, mitten durch die inzwischen tiefschwarze Nacht und den Schneesturm. Plötzlich blieb die Kolonne stehen, irgendwo im nirgendwo. Langsam verbreitete sich unter den zahlreichen Clanskrieger, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Langeweile und Anspannung breitete sich unter den Piloten aus, während sie andächtig auf die Uhr schauten und warteten.
Imperium, Mural Dyrinn
Die Zitadelle
21. Januar 976 I.Z.
03:30 Uhr
„Die Clanslegion ist jetzt auch in Stellung gegangen,“ sagte Selaris. „Der Blizzard hat sie vor den Augen der Skasim verborgen. Sie warten jetzt auf ihrer Position.“ Ein bestätigendes Brummen antwortete ihm. „Perigain ist an der Frontlinie und wird von dort die Schlacht kommandieren.“ „Was denke sie, was unsere Krieger jetzt tun werden?“
„Das was Millionen von Soldaten in tausenden von Schlachten getan haben. Sie warten auf die Morgendämmerung.“
