Das letzte Aufgebot (29.06.2004 - Silverion)
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Irgendwo
Irgendwann
Sky blickte zum geröteten Himmel mit den weichen, watteähnlichen Schäfchenwolken, die sanft entlang drifteten, auf. Zu einem Himmel ohne Sonne. Während sie den Himmel betrachtete, veränderte sich das Rot, es wurde satter, kräftiger. Von einem leichten roten Ton zu einem stärkeren Zinnoberrot, dann dunkler werden, kräftiger. Blutrot.
Sie hörte das ferne Krächzen von Krähen, eine Kälte beschlich sie, kroch langsam in die Glieder und legte sich wie ein Mantel um sie. Dieser bleierne Frost lag auf ihren Schultern wie eine Tonne Stahl, nahm ihr die Kraft für die einfachste Bewegung. Die Welt um sie herum verdüsterte sich immer schneller, eine sanfte Briese kam auf, stricht über das verdorrende Gras. Ein beißender, stechender Brandgeruch drang in ihre Nase, herbeigetragen vom sich verschärfenden Wind.
Ein dumpfes Stampfen hinter ihr ließ Furcht in ihrem Herzen aufsteigen, sie drehte sich langsam um. Skys Augen weiteten sich, Entsetzen machte sich auf ihren Gesichtzügen breit.
Ein überschwerer Skasim Aspor donnerte auf sie zu. Er pflanzte seine schweren Krähenfüsse auf den Boden auf, preschte über die finstere verbrannte Ebene. Der vorüber gebeugte Rumpf, die schweren Arme mit den vier gefährlichen Plasmamündungen, die gesamte Maschine wirkte wie aus einem Guss, überzogen mit einer chromfarbenen Schicht. Der blutrote Himmel spiegelte sich in der Panzerung, tauchte den ganzen Droiden in eine bedrohliche rote Aura. Der Aspor jagte auf sie zu, glich immer mehr einem Rachedämon direkt aus der Hölle, gekommen um sie zu holen.
Er will mich holen!
Panik stieg in ihr auf, vertrieb alle Gedanken, sie wollte nur weglaufen, laufen soweit die Beine sie trugen und sich irgendwo verstecken. Verstecken und vergessen werden. Sie fuhr herum und erstarrte erneut. Vor ihr stand noch ein Alptraum, direkt aus den Abgründen der Verdammnis. Hektisch suchte sie einen Ausweg, aber egal wohin sie sich hinwandte, standen sie: Blutige Rachedämonen. Sky blickte sich mit gehetzten Blick um, Verzweiflung kam zu ihrer Furcht dazu. Der Kreis hatte sich geschlossen. Die Skasim rückten vor und die Erde erbebte. Spalten taten sich um sie im Erdboden auf, Feuerzungen tasteten nach ihr. Der Boden bebte weiter, brach knirschend auf und unter ihr weg. Sie schrie entsetzt auf.
„SKY? Wach auf!“
Imperium, Provinz Glengary
Am Rand der Airbase Nemir Ca
27. Mai 975 Imperialer Zeitrechnung
04:27 Standardzeit
Eine kräftige Hand schüttelte ihre Schulter. Sky schreckte hoch, sich erst bewusst werdend, dass sie schon wach war, stand sie da und suchte mit ihrer Laserpistole ein Ziel. „Ruhig, Captain.. der Alte will sie gleich sprechen.“ Sie schob die A5 LightFire in den Holster und brummte undefiniert bestätigend. Mit müden Schritten ging sie zur Hygienezelle in ihrem improvisierten Quartier. Sie blickte in den gesprungen Spiegel und musterte sich. Ungewaschene braune Haare, ursprünglich militärisch kurzgehalten aber schon seit Wochen nicht mehr nachgeschnitten, ein Gesicht mit gleichmäßigen Zügen, das man als hübsch bezeichnen könnte, wären da nicht Öl und Dreckspuren. Sie wirkte müde, geschafft, ihre bernsteinfarbenen Augen leicht matt und leer. Entbehrungen und Schlafmangeln hatten sie ausgezehrt, härter gemacht. Sky wusch sich flüchtig das Gesicht und klopfte sich den Staub von der verschlissenen Felduniform.
Colonel Mike Esteban's Blick musterte sie kurz prüfend, als sie vor den Bildschirm des Kommsystems trat. Er hielt sich wohl im Kommandofahrzeug des 216. Imperial Reserve Cavalry Regiments auf. Der Colonel wirkte auch erschöpft und ausgezehrt. Seine monotone und blecherne Stimme drang aus den Lautsprechern: „Captain Sky, wie ist der Status ihrer Einheit?“
Sky nahm einen Schluck vom lauwarmen Kaffee und stellte fest, das die Brühe wie Kühlmittel schmeckte: „Ich habe 27 einsatzbereite Maschinen. Der Rest ist entweder zerstört oder nicht gefechtstauglich. Uns fehlt es an Raketenmunition und Ersatzteilen aller Art, außerdem ist mein Bataillon dramatisch unterbesetzt.“ Sie schwieg kurz: „Und ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob die Droiden, die noch gefechtsbereit, sind überhaupt den ersten Schusswechsel überstehen.“
Esteban wurde kurz etwas von einem jungen Mann ins Ohr geflüstert, anschliessend nickte er kurz zustimmend. Er blickte wieder auf: „Captain... Die Skasim haben heute Nacht die Linen der 7. Imperialen Reserve Cavalry angegriffen. Die 7. Cavalry hat tapfer gekämpft, aber sie musste sich zurückziehen, danach hat das Armeehauptquartier den Kontakt verloren. Damit ist unsere Offensive für die Rückeroberung der Nemir Ca Airbase gescheitert.“ Er lies kurz eine Pause, um die schlechte Nachricht sacken zu lassen. „Sky, Sie und Ihr Bataillon rücken aus und treffen sich mit den Überlebenden. Die 7. Reserve hat die bisherigen Kämpfe relativ unbeschadet überstanden, wir gehen davon aus, das es mindestens 2 Bataillone geschafft haben. Sammeln Sie sie ein und führen Sie die Einheiten zu unseren Stellungen. Vereint bauen wir dann eine neue Verteidigungslinie auf.“ Er blickte sie kurz abschätzend an: „Esteban Ende.“ Und der Bildschirm wurde schwarz.
Sky dreht sich langsam um und lies den Blick im Feldlager ihres Bataillons schweifen . MEIN Bataillon?! Das kann nur ein weiterer Alptraum sein. Ihre Gedanken gingen zum Anfang des Alptraums zurück. Sie war jung gewesen damals, gerade siebzehn Jahre alt geworden, als sie auf die Imperiale Akademie für Strategie und Taktik einschrieb. Sie lernte Droiden zu steuern, aber auch Begriffe wie Ehre und Disziplin. Sky war jung gewesen, idealistisch und ... naiv. Durch die Alienbedrohung wurde ihre Ausbildung beschleunigt, mit neunzehn Jahren stand sie im Feld in einem der Imperialen Reserve Regimente. Und dann brach der Krieg los.
Ihr Regiment wurde erst später in die Schlacht um die Hauptstadt geworfen, nur um sich eine blutige Niederlage einzuhandeln. Der Großteil der Offiziere war gefallen, die Truppe insgesamt schwer durch die Mangel gedreht. Daraufhin befahl das Oberkommando die Vereinigung ihres 2. mit der 16. Reserve Cavalry und bildete so die 216. Imperiale Reserve Cavalry. Seitdem versuchten sie nur zu überleben. Damals war ich eine einfache Pilotin, dachte sie. Jetzt wurde sie gerade zwanzig Jahre alt und kommandierte ein Bataillon Droiden. Eigentlich eine Aufgabe für einen Major und mindesten 10 Jahre mehr Diensterfahrung. Gesichter tanzten durch Skys Gedanken, alte und neue Freunde, Kameraden, die auf dem Schlachtfeld geblieben waren, brennende Häuser und zerschmetterte Droiden.
„Sky?“ mischte sich eine Stimme in ihre Gedanken ein: „Wir sind soweit.“ Sie schüttelte kurz den Kopf und nickt mit einem dankbaren Lächeln zu Corven, ihrem Stellvertreter. Manchmal dachte sie, dass er es war, der sie bei Verstand hielt. „Aufsitzen.“
Imperium, Provinz Glengary
Am Rand der Airbase Nemir Ca
27. Mai 975 Imperialer Zeitrechnung
09:48 Standardzeit
„Scout Zwei an Strike Eins. Keine feindlichen Kontakte. Ich habe die Vorhut der 7. getroffen, glaube ich.“ Sky rückte das Mikro des Headsets gerade: „Glauben Sie?“
„Nur zwei Maschinen, Ma`am. Asporen, sehen übel aus. Ihre Kommunikation ist zerstört, zumindest offline.“„Ich komme.“ Sie wechselte den Kanal: „ An alle, Umgebung sichern, Strike drei und vier, folgen Sie mir.“
Skys Aspor und ihre kleine Eskorte näherten sich den hoch aufragenden Treibstoffsilos. Ihr Blick wanderte über die zerstörte Umgebung. Dieser Randbereich der Airbase war für die Wartung von Motoren der Air Force und kleinen Raumtransportern genutzt worden. Die ständigen Kämpfe um die Hauptstadt hatten auch in diesem Bereich gewütet. Zerstörte Häuser, Löcher in den Wänden so groß wie Droiden, Einschusslöcher von Lasern, Trümmerhaufen und Droidenwracks säumten den Weg. Im Schatten eines umgestürzten Treibstoffsilos standen zwei geparkten Asporen mit geöffneten Cockpits. Sie konnte zwei Gestalten erkennen, die am rechten Bein des hinteren Aspors arbeiteten.
Mit langsamen Schritten kletterte Sky an ihrer Maschine runter und blinzelte in die strahlenden Sonne. Nach ein paar Augenblicken hatten sich ihren tränenden Augen an die helle Sonne gewöhnt. So unbarmherzig.
Als sie näher kam, bemerkte Sky, das die beiden Maschinen in schlechtem Zustand waren. Der rechte Aspor war rußgeschwärzt, die Panzerung durchlöchert und beschädigt. Neben dem rechten Droidenfuß sah sie eine langsam größer werdenden Pfütze aus Kühlflüssigkeit. Der linke Aspor sah nicht viel besser aus. Der rechte Arm hatte nur noch Schrottwert, die dort installierten Gatlinglaser waren Altmetall, klaffende Lasertreffer hatten die Panzerung der rechten Torsoseite in halb geschmolzene Schlacke verwandelt. Sie konnte deutlich das teilweise festgefressene linke Kniegelenk sehen, vermutlich von einer Raketensalve eingedellt. Beide Maschinen hatten offensichtlich einen brutalen Kampfeinsatz hinter sich.
Die beiden Droidenpiloten unterbrachen ihren Reparaturversuch und salutierten. Sie wirkten erschöpft und hatten die schweißnassen Uniformen erkennbar seit Tagen nicht mehr gewechselt. Beide hatten Stoppelbärte und eingesunkenen Augen, Sky lief es kalt den Rücken herunter. „Sind Sie von der 7. Reserve?“ fragte Sky. Die beiden Männer tauschten leicht benommene Blicke aus, dann antwortete der ältere von ihnen: „Aye, Ma`am. Ich bin Lieutenant Tim Rivenberg. Das ist mein Bruder, Sergeant Andrew Rivenberg. Wir waren beiden bei der Kommandoeinheit.“
„Gut,“ stellte Sky nüchtern fest: „Ich bin Captain Lee Sky, Kommandierende des 3. Bataillons, 216. Reserve Cavalry. Ich werde Ihnen und Ihrer Regimentsführung bei der Organisation von Reparaturen, Nachschub und Neustrukturierung helfen.... Soweit es uns möglich ist. Sobald Colonel Newsmith Zeit hat, soll er in die Kommandostelle kommen, Colonel Esteban möchte mit ihm sprechen.“
„Ma`am,“ stotterte Lieutenant Rivenberg fast: „Colonel Newsmith ist, äh, tot.“
Sky nickt kurz bedauernd: „Mein Beileid.“ Sie wartete ein paar Augenblicke: „Wir haben nicht viel Zeit. Ich bin nicht wirklich scharf auf einen Waffengang mit den Skasim. Rufen Sie den Rest Ihres Regiments und wir rücken ab.“
Die beiden schauten sich erneut unsicher an. „ Ma`am, ich glaube Sie verstehen nicht.“
„Was verstehe ich nicht?“
„Wir beide sind der Rest der 7. Imperialen Reserve Cavalry. Unsere beiden Droiden sind alles, was ihnen entkommen ist.“ Einen schmerzhaft lange Augenblick starrte Sky die beiden mit offenen Mund an: „Aber ihre Einheit war fast frisch, 170 Droiden mit genug Nachschub.“
„Wir beiden hatten verdammtes Glück, Ma`am. Die Skasim kamen in der Nacht und haben unseren Stellungen berannt. Egal wie viele wir zerstörten, es kamen immer neue. Dann fiel Colonel Newsmith, kurz darauf auch sein Stellvertreter. Unser Bataillonskommandeur Major Falkirk befahl den Rückzug aller Truppen und innerhalb von Minuten brach das Regiment auseinander,“ berichtete Lieutenant Rivenberg: „Ob noch andere es geschafft haben, wissen wir nicht.“
Mit einem leisen Knacken meldete sich Skys Headset: „Captain? Scout Drei hier. Ich habe Feindkontakt, mehrere Banditen rücken vor ....ich glaube sie suchen etwas.“ Skys Blick ging zu den Gebrüder Rivenberg: „Verstanden.“ Sie seufzte schwer: „Gentleman, die Skasim kommen.“ Sie konnte kurz Furcht in den Augen der beiden Männer lesen, ihr ging es nicht anders: „Bringen sie Ihre Droiden hier weg, wir halten sie beschäftigt.“ Sie drehte hastig um, rannt zu ihrem wartenden tonnenschweren Baby. In der Ferne konnte sie das vertraute Surren von Laser und Plasmageschützen hören. Sky kletterte an den Haltegriffen in ihr Cockpit hoch und verriegelte den Einstieg. Die Anzeigen und Instrumente erwachten wieder und sie setzte ihren Droiden in Marsch.
Während sie sich mit ihrer Eskorte zum Kampf bewegte, hört sie den Gefechtsfunk ab. Offensichtlich lieferten sich gerade die Scouts eine wilde Jagd mit vorrückenden Elementen der Skasim. Genaue Informationen hatte sie nicht, je näher sie dem Kampf kam, desto gestörter wurde der Funk. „Strike drei und vier, unterstützen sie die Scouts, ich organisieren den Rest des Bataillons.“
Der Kampf erschien ihr so surreal wie ein weiterer Alptraum, aber einer aus dem es kein Erwachen gab, nur Tod und Verderben. Sie fühlte sich abwesend, fast so als würde sie das Geschehen nur als Unbeteilige beobachten. Unschlüssig führe Sky ihre Maschine durch das zerstörte Gelände, auf der Suche nach einem Skasim, innerlich hoffend nichts zu finden. Der Droide trat mit wogenden Schritten aus einer zerschossenen und trümmerübersäten Wartungshalle. Sie zuckte zusammen, als sich eine chromfarbene Silhouette am anderen Ende des Vorplatzes zeigte. Die Dämonen sind schon hier! Ein mächtiger Skasim Aspor stapfte über das gefallene und brennende Wrack eines imperialen Zengals. Sky schluckte schwer, ihre Hände umklammerten die Steuerknüppel. Ihr Blick war fixiert auf den Aspor. Dessen Torso drehte sich langsam und er schritt schneller über den Beton. Helles Plasma schlug dem imperialen Droiden entgegen, zerschmolz die Panzerung der rechten Seite. Ich muss was tun. Aber was? Der Aspor verlangsamte und hob den Arm. Tiefrotes Laserfeuer sauste knapp an ihrem Cockpit vorbei. Tu was! TU WAS!
...Ich kann nicht...
Resignation machte sich in ihr breit. Es ist so sinnlos. Sky ließ die Kontrollen los, lehnte sich zurück. Es ist vorbei. Der Skasim marschierte auf sie zu, die waffenstrotzenden Arme erhoben, wie ein Wolf, der einen verwundeten Bären attackiert. Ein schweres Donnern ließ das Cockpit erbeben, sie sah noch erneut die Lasermündungen des feindlichen Aspors aufglühen und dann wurde die Welt schlagartig schwarz. Endlich.
Aber .. warum .. fühle ich Schmerzen?
Statusmeldungen, 3. Armee: Imperators Schild – 27. Mai 975, 20:00
[...]
7. Imperial Reserve Cavalry Regiment: Bei der Verteidigung der Randbezirke Nemir Ca Airbase in der Nacht vom 26. zum 27. Mai komplett aufgerieben. Großteil der Soldaten entweder Gefallen im Kampfeinsatz oder im Kampfeinsatz vermisst (Code 541A/ C, Liste siehe Anhang I) . 7. Regiment aufgelöst, überlebende Einheiten (11 Droiden, davon 8 gefechtsklar, Liste siehe Anhang II) der 216. zugeteilt.
216. Imperial Reserve Cavalry Regiment: Gefechtsbereitschaft 65%. 3. Bataillon hat bei Entsatzoperation für 7. Reserve (siehe dort) 45% Verlust erlitten. Captain Lee Sky verwundet. Lieutenant Dan Corven hat den Befehl vorübergehend übernommen. Reparaturen sind angelaufen. Nachschub und Personalprobleme bestehen weiterhin.
[...]
11. Akilae Assault Guards: Verlegung zur 1. Armee für Operation „Umfassende Wahrheit“ eingeleitet.
[...]
gez. General Ra Dorn
