Das Letzte Aufgebot – Teil III (11.01.2005 - Kenji)
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Imperium, Imperiale Hauptstadt Mural Dyrinn
Péan Militärkrankenhaus
5. Januar 976 I.Z.
09:48 Standardzeit
Ich hasse Krankenhäuser! dachte Sky mürrisch. Zögerlich betrachtete sie die frisch verheilte Haut am Unterarm. Einige alte Narben hatten neue Gefährten bekommen. Der junge Arzt ihr gegenüber lächelte zögerlich: „Wir haben getan, was wir konnten, aber einige Narben konnten wir nicht verhindern. Sie werden aber sicher noch zurückgehen.“ Langsam schaute Sky auf: „Ist das so?“ sie schnaubte mürrisch: „Ich bin ja nicht eitel.“ Sie griff nach dem Uniformhemd, zog es über und strich entlang der Versiegelung. Der Juniorarzt widmete sich wieder interessiert seinen Klemmbrett: „Alle ihre Verletzungen wurden erfolgreich behandelt. Die Rippenbrüche und Armverletzung sind gut verheilt. Die Hautverbrennungen und Splitterwunden ebenfalls. Die Kopfverletzung könnte Sie noch ab und zu mit Kopfschmerzen heimsuchen, so einen harten Schlag steckt man nicht einfach weg.“ Sie quittierte die Liste nur mit einem grimmigen Blick: „Sind Sie fertig?“ Der Doktor spitzte kurz die Lippen, vermutlich sollte das besonders gelehrt aussehen. Er nahm die Brille ab und rieb sich langsam den Nasenrücken. Auch an ihm war das letzte Jahr nicht spurlos vorbei gegangen. „Sie schlafen nicht besonders gut,“ stellte er nüchtern fest.
Sky zwang sich zu einem Lächeln: „Kopfschmerzen, Sie haben es doch selbst gesagt.“ Dann etwas schärfer: „War das dann alles?“
Der Arzt seufzt leise, unterschrieb ein Dokument auf seiner Klemmbrett: „Sie sind wieder gesund und diensttauglich, aber noch nicht in Topform. Ich entlasse Sie hiermit.“ Er reichte ihr die Entlassungspapiere. Ihren fahrigen militärischen Gruß bekam er gar nicht mehr mit, er hatte sich schon dem nächsten Patienten zugewandt.
Etwas ziellos wanderte Sky durch den riesigen Krankenhauskomplex. Selbst nach einem halben Jahr finde ich mich hier immer noch nicht zurecht. Wie immer herrschte viel Betrieb. Die meisten Patienten waren Soldaten, verwundet im Kampf um die Hauptstadt Mural Dyrinn. Immer die selbe Prozedur: Sichtung der aktuellen Ladung von der Front und dann die Versorgung nach Dringlichkeit. Sky rümpfte leicht die Nase. Unter den typischen unangenehmen Krankenhausgeruch mischte sich noch der süßliche Duft von Blut, Schweiß und Angst. Immer wieder wich sie eiligen Krankenschwestern oder hastig geschobenen Krankenbahren aus. Dann erreichte sie endlich den Empfangsbereich mit dem Ausgang, hier war es etwas ruhiger. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie einen alten Bekannten erblickte. Corven stand auf, zog die Uniformjacke mehr oder weniger gerade, fuhr sich dann durch die rotblonden Haare und ging auf sie zu. Etwas nonchalant salutierte er. Sky nickte grüßend zurück, ein leichtes Lächeln huschte über ihre Lippen: „Corven, schön, dass du mich abholst.“ Sie musterte kurz seine Rangabzeichen am Hals: „Du wurdest befördert? Ich gratuliere dir. Wen hast du dafür erschossen?“ Corven zuckte leicht mit den Schultern: „So was verdient man sich natürlich. Aber nicht nur ich bekam neue Abzeichen...“ Er fischte aus der Innenseite der Uniformjacke einen gefalteten Pergamentbogen mit Wachssiegel und reichte ihn ihr. „...Major.“ Mit erhobener Augenbraue brach sie hastig das Siegel auf, überflog den Text.
„ ...mit sofortige Wirkung werden sie zum Major der gepanzerten Truppen befördert...“
Ungläubig schaute sie auf den Bogen. Corven lächelte schief, packte sie an der Schulter und zog sie entschlossen hinter sich her: „Ja, es ist kaum zu glauben. Ich ackerte ein halbes Jahr als Ausbilder, bringe jungen Grünschnäbeln das Steuern von Droiden im Crashkurs bei und werde als Dank zum Captain befördert. DU liegst ein halbes Jahr im Krankenhaus rum, lässt es dir gut gehen und wirst zum Major befördert. Deine Karriere will ich haben.“ „Das Oberkommando muss langsam durchgedreht sein.“
„Nein, schlimmer,“ sinnierte Corven finster: „Ihnen gehen langsam die Offiziere aus.... wie alles andere auch.“
„Ist es so schlimm?“
Corven zog aus der Uniformjacke einen weiteren Pergamentbogen: „Deine Einsatzbefehle.“ Er reichte sie mit einem undeutbaren Blick weiter: „Und ja, es ist schlimm.“ Erneut brach Sky das Siegel auf, ihre Augen flogen über den kurzen Text, während sie Corven hinterher stolperte. Dann runzelte sie die Stirn, schaute auf: „Was zum Geier ist die Clanslegion?“
Imperium, Mural Dyrinn
Verbotene Stadt
Die Zitadelle
6. Januar 976 I.Z.
02:00
Leise und dezent gähnte Suse hinter der vorgehaltenen Hand. Sie umschloss die dampfende Teetasse, lehnte sich zurück und schloss die Augen. An ihren Ohren plätscherten leise zwei, drei sich widersprechende Stimmen vorbei, die sich zu einem einheitlich einlullenden Hintergrundrausch vereinigten. Langsam wurden ihre Lider immer schwerer. Ihre Gedanken glitten immer mehr in Nebensächlichkeiten und dann in die warme Umarmung des Schlafes ab. Eine leise männliche Stimme schlich sich in ihre Entspannung. „Sie sollten vielleicht schlafen gehen, Kaiserin.“ Langsam öffnete Suse ihre Augen und blickte in die eisblauen Augen des Imperators, lächelte zaghaft. „Ja, ich weiß. Aber ich kann nicht. Wie Ihr.“
Der Imperator lächelte leicht, strich sich durch den grauen Vollbart, nickte langsam und anerkennend. Gleichzeitig ging hinter ihm die Tür auf und die Botschafter der vier anderen imperialen Häuser betraten nacheinander den Konferenzsaal. Es wurde ruhiger, Blätter raschelten leise. Der Imperator ging gemessenen Schrittes zum Kopf des mattschwarzen Tisches und setzte sich: „Die Konferenz ist eröffnet.“
Perigain stand auf und begann zu sprechen: „Ladys, Gentleman, die Situation sieht wie folgt aus.“ Er ging zu dem großen Bildschirm an der Wand, dort wurde eine Karte der Hauptstadt und die weitere Umgebung projiziert. Anschließend erschienen grüne und blaue Linien. Frontverläufe, Truppenkonzentrationen, befestigte Stellungen und Wartungsdepots wurden eingezeichnet. Kleine Etiketten bezeichneten die einzelnen Einheiten. Es sah teilweise sehr unübersichtlich und kompliziert aus. „Wie Sie sehen, hat es seit der Schlacht im Morgengrauen kaum Veränderungen in den Frontlinien gegeben. Der Nemir Ca Raumhafen ist nach wie vor umkämpft. Die Soronfurten nördlich der Hauptstadt konnten wir Anfang Dezember zurückerobern und halten. Ansonsten... haben wir nicht viel vorzuweisen außer steigenden Verlusten.“ „Also setzen Sie alles auf eine Karte. Schon wieder.“ Ein Botschafter des Hauses Dragov machte aus seiner Ablehnung keinen Hehl. Pavel Nemeth - rundes Gesicht, brauner Haarkranz und aufmerksame braune Augen - schaute in die Runde. Mit seiner durchdringenden warnenden Stimme sprach er weiter. „Die Schlacht im Morgennebel hat uns alle verdammt viel gekostet. Und was hat es uns gebracht? Nichts. Garnichts. Es wäre Wahnsinn, es noch mal zu probieren.“ „Außerdem“ stimmte einen Frauenstimme, die Vertreterin des Hauses Siverias, zu „würden wir durch eine Niederlage sehr schwere Verluste erleiden, die wir unmöglich wieder auffangen könnten. Wenn wir diesem Plan zustimmen, könnten wir den Krieg verlieren.“ „Aber wir sind gerade dabei, diesen Krieg zu verlieren.“
Schockierte Stille breitete sich aus. Alle Blicke lagen auf Selaris. Bisher hat es niemand gewagt, das Unaussprechliche auszusprechen. Die mögliche Niederlage in Erwägung zu ziehen. Einige blickten finster, andere ungläubig, einige wenige nickten zustimmend. Ruhig lies der Geheimdienstkoordinator die Nachricht sacken, schaute dann zu Perigain. Der Oberkommandierende der imperialen Verteidigungsstreitkräfte nickte nur: „Selaris hat recht. Uns gehen die Reserven aus, ohne das wir auch nur einen Schritt weiter kommen. Ob wir jetzt alles auf einen Karte setzen oder das unvermeidliche ein, zwei, vielleicht sogar drei Jahre hinauszögern.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es würde keinen Unterschied machen.“ Nemeth schaute zwischen Selaris und Perigain hin und her: „Ich habe Ihren Plan sorgfällig studiert, aber wie kommen Sie darauf, das Sie so die Skasim schlagen können?“ „Wenn ich dazu etwas sagen dürfte,“ ergriff der Vertreter des Hauses Corelis, ein unscheinbarer Technokrat, das Wort: „Die Skasim lassen ihre Einheiten schnell rotieren. Sie schicken ein Kontingent in den Kampfeinsatz, ziehen anschließend die Reste ab und ersetzen es dann mit einer frischen Einheit. Wenn sie durch ihre Einheiten durch sind, fangen sie wieder von vorne mit aufgefrischten Kontingenten an. Nach Analysen des Geheimdienstes, den Bewahrern und Haus Corelis sind wir zu dem Schluss gekommen, das den Skasim ebenfalls langsam die Reserven ausgehen.“ „Jetzt massiv anzugreifen könnte einen Teil ihrer Streitkräfte endgültig zerschlagen, bevor sie sich an die neue Situation angepasst haben,“ führte Perigain fort: „Im Zuge der Schlacht werden wir unsere Frontlinien öffnen. Wir bieten ihnen einen Köder an, dem sie nicht wiederstehen können..“ „Welche Köder?“
„Die Hauptstadt. Und wenn sie lospreschen, um sich das zu holen, was sie am meisten auf ihrem Rachefeldzug begehren, versuchen wir sie in eine Falle zu locken und zu erledigen.“ Erneut wurde es leise. Jeder der versammelten Würdenträger kannte den Plan, aber bisher hatte niemand es so deutlich gesagt. Alles oder Nichts.
Die leise, aber deutliche Stimme des Imperators durchbrach die Stille: „Seit sechs Wochen bereiten sich unsere verbliebenen Streitkräfte auf diese entscheidende Schlacht vor. Es wird unser letztes Aufgebot sein.“ Der Imperator stand auf. Kräftig und entschlossen sprach er weiter: „Ich bin gewillt, diese Schlacht zu schlagen. Wieder entscheiden wir auf dem Schlachtfeld über das Schicksal der Menschheit. Wenn wir versagen, fällt das Imperium. Fällt das Reich, ist die Menschheit der Vernichtung ausgesetzt. Ich habe schon einmal die Menschheit vor dem Untergang bewahrt, ich werde es wieder tun. Mit oder ohne Unterstützung der Imperialen Häuser.“ Nacheinander fixierte er eindringlich die einzelnen Abgesandten: „Ihre Antwort?“ „Haus Achron wird erneut für den Imperator kämpfen.“
„Haus Corelis ebenfalls.“
Zögerlich nickte die junge Adlige aus dem Haus Siveria.
Pavel Nemeth lächelte leicht, lehnte sich zurück: „Haus Dragov hat immer für eine bessere Zukunft der Menschheit gearbeitet. Wir unterstützen das Imperium. Und den Imperator. Ich hoffe bloß, dass das nicht unser Nachruf wird.“ Der Imperator holte tief Luft. Zufrieden blickte er in die Runde: „Dann ist es beschlossen. Ich danke Ihnen.“ Er setzt sich wieder und beobachtete in sich gekehrt, wie die einzelnen Generäle und Botschafter der Häuser den Saal verließen. „Bleib noch einen Augenblick, Kaiserin.“
„Ich weiß, das du müde bist und erschöpft. Ich habe viel von dir verlangt und werde wohl in naher Zukunft noch mehr verlangen.“ Suse lächelte verlegen, zuckte andeutungsweise mit den Schultern. Der Imperator wandte sich der taktischen Karte an der Wand zu: „Eine Seite haben wir noch nicht um Waffenhilfe gebeten. Die Clanländer.“ Überraschung zeigte sich in Suses müden Zügen: „Die Clans? Seit Ihr euch sicher?“ „Sie sind Menschen, oder? Daher geht auch die Clans die kommende Schlacht etwas an. Vielleicht legt man es uns als Schwäche aus und sicherlich werden viele Stimmen im Imperium laut, die behaupten werden, das man sich auf Claner als Alliierte nicht verlassen kann.“ Suses Miene verdunkelte sich. „Fakt ist, wir können uns in unsere Situation keinen Stolz mehr erlauben. Wir brauchen jeden Droiden.“ Die Kaiserin nickte: „Ich habe schon erste Vorbereitungen getroffen.“
„Ruf zu den Waffen, Suse. Und lass uns hoffen, das sie kommen.“
Imperium
Nova Roma
8. Januar 976 I.Z.
07:00
„Major Lee Sky meldet sich zum Dienst, Ma`am.“
„Captain Corven meldet sich zum Dienst, Ma`am.“
Beide salutierten zackig vor Suses Schreibtisch. So jung und doch schon abgebrühte Veteranen.
„Willkommen in Nova Roma. Setzen Sie sich.“ Suse blickte zu Sky. „Sie sehen aus, als hätten Sie einen Frage, Major.“
„Ja Ma`am. Was ist die Clanslegion?“ Suse lächelte, deutete zum Fenster hinter ihr. „Schauen Sie es sich selbst an...“
Sky trat an das Fenster, blickte hinaus auf den betonierten Platz und hob leicht die Augenbraue. „Wow.“ Droiden an Droiden standen dort, aufgereiht zur Parade. Eine riesige Armee auf dem Stützpunktplatz, von kleinen Trior und Nomics bis zu den mächtigen Solaron war jeder Typ vertreten. Sogar einige erbeutete Rhacals waren zu bewundern. „Das sind keine imperialen Abzeichen und Farben... das sind ... Clans!“ „Richtig. Der Imperator rief das letzte Aufgebot. Und einige Clans antworteten. Gestern sind die ersten Kontingente und Regimenter eingetroffen. Ragnarök und PLP, FMF und TSP, Gladius und Karthago, ASK und D.I.“ Suse trat neben Sky, schaute hinaus auf die geballte Macht der Clans: „Eine beeindruckte Streitmacht. Ich hoffe, dass sich noch weitere Clans bereit erklären, uns zu helfen. Noch sind ein paar Tage Zeit und wir werden sie alle brauchen.“ Suse drehte sich um, ging um den spartanischen Schreibtisch an Corven vorbei zur Tür: „Kommen Sie. So einen Armee muss koordiniert werden... Wir haben sehr viel zu tun.“
